Große Lasten – leicht genommen

Man sieht sie immer häufiger: Pizzaexpress, Paketzusteller und Radkuriere jagen oder keuchen auf Lastenrädern durch die Stadt. Längst hat man sich an das Geräusch des Nabenantriebs gewöhnt, das vom Nahen des Postboten kündet. Doch auch im privaten Alltag setzen sich die Vielträger auf zwei oder drei Rädern immer weiter durch. Denn anscheinend sehen immer weniger Menschen einen Sinn darin, für die alltäglichen Wege ein Auto zu brauchen. Warum auch, wenn es so lustvolle Arten des Transports gibt?

„Nochmal, Nochmal!“

… quäken zwei Kinder vor Begeisterung, obwohl es kalt ist, langsam dunkel wird und einem eher nach einem warmen Tee auf dem Sofa zumute wäre. Aber gut, dann eben noch eine Runde um den Block geheizt, das wärmt ja schließlich auch.

Es scheint kaum etwas Leichteres zu geben, Kinder glücklich zu machen, als sie auf dem Transportrad mitzunehmen. Und es macht Spaß, mit dem Fahrrad mehr mitnehmen zu können, als das bisher möglich war – oder die Polizei erlaubte. Mitfahren auf dem Gepäckträger ist ja nicht nur verboten, sondern war immer schon unbequem. Auf Rädern mit entsprechenden Vorrichtungen (Bank, Gurte für Kinder, Haltemöglichkeit oder Fußstützen) spricht jedoch nichts dagegen.

Wie leicht es sein kann, auch mehrere Kinder oder schwere Lasten auf einem entsprechend ausgelegten Fahrrad zu befördern, ahnt man erst wenn man es selbst probiert hat.

 

Lastenrad, Transportrad oder Cargobike?

Da es um den Transport schwerer Lasten geht, mag Lastenrad die angemessene Bezeichnung sein, wer auf Anglizismen steht, darf auch Cargobike sagen. Es kann zwar vorkommen, dass einem die lieben Kleinen „zur Last fallen“, gerade wenn man mit ihnen unterwegs ist. Jedoch macht Kindern das Mitfahren in einem Familienrad mit Chauffeur oder Chauffeurin meist soviel Spaß, dass die Bezeichnung Lastenrad hier etwas unangemessen erscheint. Transportrad ist daher der bessere Überbegriff für alles, was pedalbetrieben mehr als nur den kleinen Einkauf befördert.

Sich selbst angenehmer fortzubewegen, war von Anfang an die Idee des Velozipeds und als das funktionierte, dauerte es nicht lange, bis allerhand Dinge auf dem Fahrrad mitgenommen wurden. Doch so viel immer wieder über die Geschichte des Fahrrads in Büchern, Ausstellungen und Museen gesagt wurde, so wenig ist über die Geschichte des Transportrades zu finden. Das legt die Vermutung nahe, dass das Transportrad in der kollektiven Erinnerung des 20. Jahrhunderts kaum berücksichtigt wurde. So kann man heute nur noch ahnen, welche Bedeutung Transporträder in vor-fordistischen Zeiten des für alle leistbaren Automobils oder des billigen Erdöls gehabt haben mögen. In den Archiven der Transportradhochburgen wie Amsterdam und Kopenhagen finden sich jedenfalls zahlreiche Bilder, von Handwerkern, fahrenden Händlern, Milchmännern, Bäckern und Postbeamten auf Transporträdern aller Art.

 

Phasen der Popularität

Grob lässt sich die Geschichte der Transporträder in drei Wellen unterteilen: Von den ersten Modellen bis zum Siegeszug des Automobils, über die Rückbesinnung in den 1970- und 80er-Jahren und schließlich die Renaissance der Transporträder seit ca. 2010. Eine Sozial- und Technikhistorie des Transportrades muss noch geschrieben werden, hier können lediglich einige Eckpunkte der Entwicklung festgemacht werden.

Die ersten Transporträder waren wohl schon kurz nach der Erfindung des Sicherheitsfahrrads in den 1880ern unterwegs. In den Niederlanden gibt es noch zahlreiche alte Lastendreiräder mit Blattfedern, wie man sie von Kutschen oder frühen Eisenbahnwaggons kennt. Diese Räder wurden von Liebhabern restauriert und inzwischen auch wieder neu aufgelegt. In Dänemark begann der Hersteller SCO (Smith & Co.) 1923 den „Long John“ zu bauen, das legendäre Lastenrad mit der tiefen Ladefläche zwischen Lenker und Vorderrad, das fast unverändert bis in die 1990er-Jahre lieferbar war.
Natürlich war das Transportrad auch in deutschen Landen durchaus gebräuchlich, doch scheint es, als wäre es mit der steigenden Verbreitung des „Volkswagens“, also des Pkw für jedermann, in Vergessenheit geraten. Auch Technikmuseen wendeten sich vornehmlich den motorisierten Verkehrsmitteln zu. Lediglich die Post blieb dem klassischen „Bäckerrad“ über die Jahrzehnte hinweg treu.

 

2. Phase

Nachdem der Club of Rome in seinem Bericht schon 1972 auf „Die Grenzen des Wachstums“ aufmerksam machte, konnte man anhand der Ölkrise 1979-1980 erstmals hautnah erfahren, welche Auswirkungen steigende Rohstoffkosten haben können. In den Folgejahren gab es bei Velomobilen und Liegerädern, aber auch bei Transporträdern einen weiteren Entwicklungsschub.

In Kopenhagen wurde damals eine ehemalige Kaserne besetzt und die Freistadt Christiania ausgerufen. Das Gelände sollte autofrei bleiben und so wurden alte Transporträder reaktiviert. In der Schmiede von Christiania wurde dann begonnen, neue Räder zu bauen und so entstand 1984 der Hersteller Christiania. SCO baute seinen Long John bis in die 1990er-Jahre, gab das Produkt dann an den schwedischen Hersteller Monark ab, wo er noch bis 2012 erhältlich war.

Bei den Zweirädern waren das Bäckerrad und der klassische schwarze Long John die wichtigsten Vertreter des 20. Jahrhunderts. Sie wurden Anfang der Neunziger z. B. auch beim Salzburger Fahrradkurierdienst Velofax genutzt. Der Autor arbeitete dort 1992 als Fahrradkurier, lernte die Räder kennen und konnte auch das vermutlich erste Pedelec-Transportrad fahren. Eigens für Fahrten zur deutschen Postfiliale nach Freilassing hatte man einen der Long Johns mit einem E-Antrieb von Schachner ausgestattet. Dieser Motor trieb das Vorderrad verschleißintensiv über eine Reibrolle an, weswegen der Vorderreifen jeweils nach einigen Hundert Kilometern ausgetauscht werden musste. Die damalige Technik kannte noch keine sanfte Ansteuerung des Motors, von einer Drehmomentsensorik ganz zu Schweigen – der Antrieb kannte nur die Zustände ein und aus. Mit den vier Bleiakkus war das Gefährt überdies am Gepäckträger so schwer, dass es an Krafttraining grenzte, das Rad auf den Ständer zu bocken.

In den Niederlanden griff Marten van Andel den Long John auf und baute eine Holzkiste mit Sitzbank auf die Ladefläche, um die Mobilitätsbedürfnisse seiner Familie abzudecken. Dies war die Geburtsstunde des „Bakfiets“ – dem heute am häufigsten anzutreffenden Familienrad auf Amsterdams Straßen.

 

Bikes & Cargo & Rock’n’Roll

Waren Transporträder früher schwarz, schwer und aus Stahlrohr gebaut, so sind seit 2008 Transporträder mit voluminösen Aluminiumrahmen und in zahlreichen bunten Farbkombinationen erhältlich: Das „Bullitt“ ist nicht nur eines der sportlichsten Lastenräder, sondern bringt auch ein gestrichen Maß Lifestyle und Popkultur in die ansonsten so nüchterne, funktionalistische Auswahl an Transporträdern. Am Rahmen zieren die Bullitts kleine Dekos im Stencil-Stil mit Elvis, Chuck Berry und verschiedenen anderen Motiven. Passend dazu kann man auf Youtube zusehen, wie Hans Fogh vom Kopenhagener Bullitt-Hersteller LarryvsHarry, das Rad als Elvis oder als Spiegelei kostümiert zusammenbaut. Mit seinen moderaten 24-25kg fährt sich das Bullitt so leicht, dass man es auch ohne Zuladung als Alltagsrad nutzen kann. „The fastest Cargobike in the world“, lautet der Claim von LarryvsHarry – kein Wunder, dass Bullitts bei der jährlichen Dänischen Transportradmeisterschaft „Svajerløbet“ zu den Schnellsten gehören. Hier messen sich die Fahrer mit verschiedenen Transporträder, wer am schnellsten zwei Autoreifen, einen Stapel Zeitungen und eine Carlsberg-Holzkiste auf drei Runden durch das Areal der Brauerei bringt.

Des Themas Familienrad hat sich neben Bakfiets auch die Firmen Nihola und das Team von Urban Arrow angenommen. Gemeinsam mit Industriedesignern haben sie das Bakfiets neu interpretiert und mit einem Mittelmotor ein gefälliges Fahrzeug mit besonderem Fokus auf Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit geschaffen.

Von etablierten Fahrradherstellern ist bisher kaum Bewegung in Richtung Cargobikes festzustellen, die Branchenstatistik wirft sie in die Kategorie Spezialräder. Es wäre unmöglich, hier einen umfassenden Überblick über die aktuell am Markt verfügbaren Produkte zu geben. Einen nahezu vollständigen Überblick über verschiedene Fahrzeuge und die vitale Szene findet man auf der Website www.nutzrad.de. Denn fast jeden Monat macht ein neues Transportrad in den sozialen Medien die Runde.

 

Drei Dimensionen von Fahrradkulturen

Bisher konnte man im wesentlichen zwei Fahrradkulturen unterscheiden: Einerseits die Sportler, denen es um Leistung und Fitness geht und andererseits die Alltagsradler, die das Fahrrad zur Fortbewegung nutzen, um Arbeit, Einkauf und Freizeittätigkeiten zu erreichen.

Transporträder bringen nun eine dritte Dimension zurück ins Spiel: Das Fahrrad in seiner professionellen Anwendung: Nutzungen, bei denen das Fahrrad einen fixen Bestandteil von Unternehmenstätigkeiten einnimmt oder eventuell auch Basis neuer Kleinunternehmen darstellt, die ihre Dienstleistungen vor Ort anbieten. Kaffeefahrräder haben sich, von Kopenhagen und Amsterdam kommend, jüngst in einigen Städten verbreitet. Pizzabäcker und andere Gastronomen liefern ihre Mahlzeiten immer häufiger per Fahrrad bzw. Pedelec aus, Tagesmütter nutzen Spezialräder, um mit ihren Schützlingen in den nächsten Park zu kommen. Handwerker, insbesondere wenn sie in den Innenstädten arbeiten, greifen aufs Cargobike ebenso zurück, wie Bioläden, die damit ihre Produkte ausliefern.

Wenn es ebenso selbstverständlich wäre, Dinge mit dem Fahrrad zu transportieren, wie dies als Erklärung für die Nutzung eines Autos herangezogen wird, ließen sich enorme Energieeinsparungen erreichen. Schon im Vergleich zum Elektroauto spart man mit einem Lasten-Pedelec wie dem Urban Arrow für den durchschnittlichen alltäglichen Weg von zwölf Kilometern Energiekosten mit dem Faktor 14!

 

Vom Leichtsinn der Verkehrspolitik.

„Benzintank raus, Akku rein und alles wird gut.“ Das scheint die verkehrspolitische Weichenstellung der Bundesregierung zu sein. Warum waren die Solar-Autos der 1990er leichter und energiesparender als heutige Elektroautos? An das proklamierte Ziel, eine Million Elektroautos bis 2020 auf deutschen Straßen fahren zu sehen, glaubt angesichts der Zahlen von 2012 schon lange niemand mehr: Zum Jahresanfang waren landesweit gerade einmal 4.500 davon unterwegs. In dieser Statistik sind sogar auch noch die teils fossil betriebenen Hybridautos enthalten. Selbst wenn diese 4.500 E-Fahrzeuge alle in ein und derselben Stadt unterwegs wären – es fiele nur in einer Kleinstadt wirklich auf.

Hingegen hat die Fahrradindustrie 2012 die Milllionenmarke überschritten und zwar in der Anzahl an Pedelecs, die in Deutschland unterwegs sind. Laut einer Studie des VCD (Verkehrsclub Deutschland e. V.) werden Pedelecs auch häufiger gefahren als was? und tragen so wesentlich stärker zu CO2-Einsparungen im Bereich Mobilität bei. „Ich ersetze ein Auto“, lautet folgerichtig der Claim eines Forschungsprojekts, das die CO2-Einsparungspotentiale des Lastenrads im Wirtschaftsverkehr ermittelt.

Mit dem Lasten-Pedelec erfährt nun auch der Lastentransport mit dem Fahrrad eine Demokratisierung. Denn von nun an entscheidet nicht mehr die Wadenkraft, ob man ein Lastenrad benutzt, sondern einzig die Einstellung.

Erschienen in fahrstil Nr. 10: leichtsinn – erhältlich auch bei rad3 in Leipzig.

 

Text und Fotos: Eric Poscher
Quellenangabe für Zitate: Eric Poscher, in fahrstil Heft Nr. 10 „leichtsinn“, 2013, ISSN 2192-6492
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